Kenia und dann rund um den Viktoriasee

Mit Kenia bin ich nicht nur in einem anderen Land, sondern auch in einer anderen Klimazone angelangt. Bereits vor dem Abendessen in Thompson Falls fröstelt es mich und ich ziehe nach einer warmen Dusche lange Kleider an. Wir befinden uns hier wieder auf fast 2400 Meter über Meer. Am frühen Morgen, noch vor Sonnenaufgang, wache ich dann auf. Mir ist richtig kalt im Dachzelt. Ein Blick auf den Thermometer bestätigt es auch: es ist nur 5.9 Grad in meinem Zelt. Einmal die Daunendecke um mich herum und dann geht’s gerade so mit der Temperatur. Ich muss schnell verschwinden von hier, in wärmere Gegenden!
Am Morgen begutachten, wie immer wo ich parke, einige Einheimische neugierig mein Taxi. Es ist nicht einmal das Nummernschild, das auffällt, sondern die Tatsache, dass der Wagen keine Beulen, Schrammen oder andere Schäden hat. Fast immer geht er als Neuwagen durch. Wenn ich dann erkläre, das Taxi sei schon 15 Jahre alt, ernte ich nur ungläubiges Staunen. Ja, Unterhalt ist keine Stärke der Afrikaner. Nicht bei den Autos, nicht bei den Häusern, nicht bei den Strassen und auch nicht bei der Umwelt. Aber an eben dem Morgen höre ich einen jungen Kenianer zu mir sagen: „Oh you are from Switzerland“. Den Satz habe ich schon tausendmal gehört, er geht mir langsam auf die Nerven und ich habe mir angewöhnt, ihn mit einem knappen „Yes“ zu ignorieren. Zwar ist “Switzerland”  besser als das in Äthiopien, Ägypten und Sudan typische „Oh, you are from the Red Cross, you must be a doctor“. Aber diesmal, in Kenya, folgt dem “Oh you are from Switzerland” ein “You are actually from Schaffhausen”. Nun hat der junge Mann meine gesamte Aufmerksamkeit und meine Neugierde geweckt. Nicht jeder hier kennt die Kantonswappen der Schweiz. Kurz darauf folgt ein „Weisch ich han zwölf Jahr ir Schwiiz gläbt“. Ich bin total verblüfft und die nächste halbe Stunde plaudern wir auf Schwiizerdütsch miteinander. Simon lädt mich zu sich nach Hause ein und erzählt mir, dass er nach Kenia zurückgekehrt sei, um mit seinem in Europa erworbenen Wissen seinem Volk, den Samburu, zu helfen. Er zeigt mir einen Bericht der Thurgauer Zeitung über ihn, den stets gut gelaunten Müllmann. Ich schenke ihm einen von ihm benötigten und in seiner Stadt nicht erhältlichen Spanngurt und er bedankt sich mit einem halben Kilogramm Samburu-Honig dafür. Mit einer Freundschaft und einer Erfahrung reicher setze ich meinen Weg in Kenia fort. An diesem Tag, dem 30. Juni, genau 125 Tage nachdem ich die Schweiz verlassen habe, überquere ich mit meinem Taxi den Äquator.

In Kenia, als ehemals britische Kolonie, wird links gefahren. Ich verstehe nun auch, warum die beiden Fahrzeuge, welche ich auf der Turkana-Route gekreuzt habe, mich so ungläubig angeschaut haben und beim Passieren sogar angehalten haben, als ich rechts an ihnen vorbeigefahren bin. Weil mein Taxi linksgesteuert ist und mir ein Kopilot fehlt, der mir die freie Fahrbahn bestätigen könnte, wird das Überholen der unzähligen Lastwagen manchmal zur Herausforderung. Hilfreich für mich ist, dass auch in Kenia die gute Tugend herrscht, ohne den Mittelfinger zu strecken einfach auf den Kiesstreifen auszuweichen, wenn die eigene Fahrbahn mal durch den Gegenverkehr besetzt sein sollte. Ein bisschen weniger angenehm ist es für alle, die sich normalerweise auf dem Kiesstreifen bewegen: Fussgänger, Radfahrer und Töfflifahrer. Diese werden im Fall der Fälle dann einfach auf den Grasstreifen, welcher dem Kiesstreifen folgt, verbannt. Ja, hier gilt das Gesetz des Grösseren.

Am nächsten Tag unternehme ich einen Ausflug in den Nakuru-Nationalpark. Dieser ist – neben dem Rhino Sanctuary in Uganda – der einzige Park in Ostafrika, wo man gute Chancen hat, das fast ausgestorbene Nashorn zu sehen. Und tatsächlich habe ich Glück. Ein Exemplar spaziert nur wenige Meter vom Taxi entfernt vorbei.
Weil ich Kenia erst nach meiner Umrundung des Viktoria-Sees genauer anschaue, fahre ich am nächsten Tag bereits weiter Richtung Uganda. Nach Kenia bin ich über eine Strasse mitten im Nirgendwo eingereist, wo es weit und breit keine Immigration gibt. Deswegen habe ich auch keinen Einreisestempel im Pass und auch das Carnet de Passage (das Zolldokument fürs Taxi) ist nicht eingestempelt. Den Stempel im Pass habe ich mir in Nakuru noch nachträglich geholt, aufs Carnet habe ich aber verzichtet. Dies bewährt sich nun: Nicht nur kann ich auf das Ausstempeln des Carnets und somit auf den Gang ins Zollamt bei der Ausreise verzichten, ich umgehe sogar die Road Tax in Kenia, welche natürlich eine Muzungu-Only-Steuer ist (Steuer nur für Weisse).

In Uganda war ich bereits 2009 einmal und habe schon so einiges vom Land gesehen. Allerdings hat sich Uganda seither verändert. Zwar regnet es immer noch täglich – auch in der Trockenzeit – aber Uganda ist mittlerweile ein Touristen-Mekka geworden. Touristenmassen überall. Während es bis jetzt auf meiner Reise entweder gar keine oder dann sehr verwaiste Campsites gegeben hat, wimmelt es hier nur so davon. Und die meisten sind übervoll. Unzählige, zumeist blutjunge Touristen reisen als grössere Gruppen in organisierten Touren. Entsprechen lärmig sind die Campsites auch. Hoffentlich bleibt dies nicht bis Südafrika so.

Ich schaue mir die Nilfälle bei Jinja an und fahre danach weiter zum Murchison-Falls-Nationalpark im Norden von Uganda. Auf dem Weg komme ich zum ersten Mal richtig in Kontakt mit der lokalen Polizei. 67 statt der erlaubten 50 soll ich gefahren sein. Gemessen mit so einer Radarpistole. Innerorts. Das ist gut möglich. Schliesslich fährt hier jeder so schnell wies geht. Innerorts sind dies dann so 70-80, ausserorts schaffen es die meist schweren Geländewagen nicht über 100. Für meine Verfehlung solle ich 200‘000 Uganda-Shilling bezahlen, etwa 80 Dollar (ca. ein Monatsgehalt in Uganda). Soviel habe ich natürlich nicht im Portemonnaie. Ich erwähne aber nicht, dass ich fast eine Million Shilling im Safe mitführe. Nun ja, dann solle ich eben auf die Bank und das Geld abheben und dann einzahlen – gegen Quittung. Sie wollen aber nicht meine Zeit stehlen und ich könne mich auch „selbst büssen“ und soviel bezahlen wie ich für richtig halte. Leider gebe es dann aber keine Quittung. Nach 10 Minuten plaudern kommen wir also langsam zum Geschäft. Ich erwähne, dass ich alle Zeit der Welt habe und gerne zur Bank fahre und das Geld einzahle. Ich könne so lange meinen Führerschein als Pfand da lassen. Der Gesetzeshüter merkt nun aber, dass mein Führerschein gar nicht echt ist, sondern eine simple, selbst angefertigte Farbkopie und konfrontiert mich damit. Ich wähne mich schon im ugandischen Knast, wegen Fälschen eines Ausweises. Aber er nimmt es ausserordentlich gelassen. Wir beginnen über dies und das zu plaudern. Dann will er mir Land in Uganda andrehen. Ich teile ihm mit, dass ich mir dies zuerst überlegen müsse. Bei der Rückfahrt würde ich ihm meinen Entschluss mitteilen. Er merkt wahrscheinlich, dass bei mir nichts zu holen ist und mit einem „Safe Journey“ verabschiedet er sich. Im Rückspiegel sehe ich, wie schon sein nächster „Klient“ rausgewunken wird. Vielleicht ist der ja kompromissbereiter …

Im Murchison-Falls Park soll ich dann 150 USD Strafe (Eintritt) bezahlen, nur weil mein Auto ein ausländisches Kennzeichen hat. Bereits in Äthiopien und Kenia habe ich mich an die Abzocke gewöhnt, dass Ausländer mehr zahlen als Einheimische, per offizieller Preisliste mit zwei unterschiedlichen Preisen, natürlich zu gleicher Leistung. Natürlich ist das hier auch so und ich akzeptiere, dass für mich der Eintritt 40 USD pro Tag kostet, während ein Ugander nur 5 USD bezahlt. Dass ich aber fürs Taxi 150 USD bezahlen soll, während das gleiche Taxi mit ugandischem Kennzeichen nur 12 USD kostet, ist eine neue Stufe der Abzocke. Mir platzt der Kragen und ich erkläre der Kassiererin, für so ein rassistisches Verhalten würde sie in Europa gebüsst werden oder im Knast landen. Aber es lässt sich nichts machen. Ich muss bezahlen. Sämtliche anderen ugandischen Nationalparks sind nun per sofort von meiner Sightseeing-Liste gestrichen worden.

Nach dem Besuch des Nationalparks geht meine Reise wieder Richtung Süden. Es ist ein regnerischer Sonntagmorgen. Die Strasse ist nicht asphaltiert und mit tausenden Schlaglöchern übersät, welche mit Wasser gefüllt sind. Rotbraunes Dreckwasser natürlich, welches beim Durchfahren meterweit spritzt. Ich habe richtig Mitleid mit den hunderten von Kirchenbesuchern, welche in ihrer besten Sonntagskleidung am Strassenrand von der Kirche nach Hause marschieren…

Auf dem Weg Richtung Süden geniesse ich Uganda’s perfekte Campsite-Infrastruktur mit meist fantastischen Restaurants, ich unternehme eine Tageswanderung durch die Regenwälder des Ruwenzori Massivs und besuche den Lake Bunyioni, einen wunderschönen Kratersee an der Grenze zu Rwanda. Dies ist auch meine nächste Destination …

 

Das GPS zeigt S 00.00000″ an

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Lake Nakuru Nationalpark

 

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Der Nil. Noch ist er still …

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… aber bald tobt er

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Im Ziwa Rhino Sanctuary

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Im Murchison Falls Nationalpark

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4WD einschalten!

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Der Victoria Nile bei den Murchison Falls

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Abendlicher Besuch im Nationalpark

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Uganda ist sehr grün. Die Strasse füht durch Plantagen …

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… und Teefelder

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Landschaften …

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Nach den Schlammpisten muss das Taxi in die „Waschanlage“

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Lustiges Nummernschild

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Faulpelz!

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In Uganda sponsen viele Firmen den Anstrich der Häuser …

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In dem fruchtbaren Land ist grad Saison für Ananas, Bananen, Wassermelonen, Mango, Passionsfrucht, Avocado, Tomaten und fast allem anderen

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Die grünen Bananen sind Kochbananen. Keine Angst, wir essen hier nur Frischware!

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Führt die Strasse durch eine Baustelle, geht die Sicht gegen Null. Scheinwerfer einschalten und 5 Km/h fahren ist dann angesagt …

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… und hinter genau so einer Staubwolke tauchte plötzlich ein Urner auf. Da habe ich aber mal gestaunt.

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Auf dieser Campsite lässt sichs leben

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Regenwald am Ruwenzori-Massiv

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Schon fast in Rwanda: Lake Bunyioni

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3 Gedanken zu “Kenia und dann rund um den Viktoriasee

  1. Hallo Lukas,

    Großartig, wie du schreibst – das Eindrucksvollste, was ich bisher von einer Afrikadurchquerung gelesen habe. Die Bilder sind phantastisch und deine site ist professionell. Habe die halbe Nacht gelesen, um alles zu erfahren. Möchte mit meiner Frau ab Juli nächsten Jahres die gleiche Route fahren, auch weil dein Bericht Ängste nimmt.
    Wir leben in Kapstadt und laden dich herzlich ein, nach deiner Ankunft einige Tage bei uns zu wohnen.
    Gruss Sammi und Gitte

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