Ruanda, Burundi und dann zurück nach Nairobi

Ruanda, das ist mein nächstes Reiseziel. Dieses kleine Land hat eine sehr traurige jüngste Geschichte. Genau 20 Jahre ist es her seit die Hutu, welche die Mehrheit an der Bevölkerung stellen, versuchten die Tutsi-Minderheit auszurotten. In dem nur wenige Monate dauernden Genozid wurden etwa 800‘000 Tutsi abgeschlachtet, meist mit der Machete. Umso erstaunlicher ist der Zustand, in dem das Land sich heute befindet. Das Land ist sauber, blitzblank. Littering steht unter Strafe und Plastiksäcke sind aus Umweltschutzgründen verboten. Das Internet ist das bislang schnellste auf meiner Reise. Die Strassen sind in einem guten Zustand und Städte, Dörfer, ja sogar öffentliche Einrichtungen sind ausgeschildert. Und ein grosser Teil der Bevölkerung spricht Englisch oder Französisch. Welche Überraschung.

Mein erster Stopp führt mich nach Giseni, einer ehemaligen Kolonialsiedlung der Belgier am Kivu-See. Leider ist in Ruanda Camping nicht sehr verbreitet und so nehme ich mir ein Hotel. Das Hotel liegt nur 800 Meter von der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo. Dass in Goma, der Stadt auf der anderen Seite der Grenze, nicht die gleiche Ruhe und Sicherheit herrscht wie in Ruanda, ist an den Maschinen der UN und dem kongolesischen Militär zu erahnen, welche täglich in grosser Zahl starten und landen. Auf dem weiteren Programm stehen ein Schimpansentracking im Nyungwe-Nationalpark sowie eine Regenwaldwanderung. Ganz bewusst lasse ich die Hauptstadt Kigali aus. Auch hier war ich 2009 bereits einmal und habe mir die bemerkenswerte Völkermord-Gedenkstätte in Kigali angeschaut und eine Nacht im „Hotel des Milles Collines“, dem Hotel aus dem Film „Hotel Rwanda“ verbracht.

Ruanda ist, wie mein nächstes Ziel Burundi, ein kleines Land. Gerade mal 60% der Fläche der Schweiz hat Ruanda. Trotzdem benötigt man von der einen Ecke zur andere eine halbe Ewigkeit. Denn das Land besteht aus lauter Hügeln. Im ganzen Land gibt es kaum eine grössere Ebene. Und genau diese tausend Hügel muss man erst hoch und dann wieder runterfahren, wenn man in dem Land reisen will. Durchschnittsgeschwindigkeit: 30Km/h trotz Asphalt.

Nun ja, irgendwann schaffe ichs dann trotzdem noch nach Burundi. In Burundi leben die selben Volksgruppen wie in Ruanda, das Land besteht auch hier aus tausend Hügeln und es ist genau so klein und überbevölkert. In Ruanda und Burundi zusammen drängen sich etwa 22 Millionen Einwohner auf einer Fläche, die ca. 30% grösser ist als die Schweiz. Aber einen Unterschied sieht man in Burundi sofort: das Land ist arm, bitterarm. Die Infrastruktur liegt am Boden. Die Mehrheit der Bevölkerung ist in löchrige, schmutzige Lumpen gekleidet. Dieses Land hat sich ganz offensichtlich noch nicht vom kürzlich beendeten Bürgerkrieg erholt.

Mein Ziel in Burundi ist Bujumbura mit dem Tanganijka-See. Ansonsten gibt es in dem Land kaum erwähnenswerte Sehenswürdigkeiten. Gerne hätte ich zwei Tage am See ausgespannt und wäre dann weiter gefahren. Aber an der Grenze erhalte ich nur ein 3-Tagesvisum, welches zudem noch nicht einmal 72 Stunden gültig ist, sondern nur von 00:00 des Einreisetages bis 23:59 des Ausreisetages. Somit bleibt mir leider nur ein Tag an den wunderschönen Stränden des Tanganijka-Sees. Schade für mich. Und auch schade für das Land, das ausländische Devisen so dringend nötig hätte. Denn nun gebe ich meine $$$ halt in einem anderen Land aus. Es nützt mir auch nichts mehr, dass bei der Ausreise behauptet wird, es sei kein Problem, wenn das Visum überzogen werde und es gebe auch keine Busse dafür.
Der Grenzübertritt von Burundi nach Tanzania gestaltet sich denkbar einfach. Zwar wird zum ersten Mal ernsthaft die Gelbfieberimpfung überprüft, dafür hat noch niemand etwas von einem Carnet de Passage gehört. Weder auf der burundischen noch auf der tanzanischen Seite. Ich zeige der Dame vom Zoll genau, wo sie stempeln muss und wo sie zu unterschreiben hat. Gehörig führt sie alles aus und betont dabei mehrmals, dass sie sowas noch nie gemacht hätte und gar nicht weiss, was sie da stempelt und unterzeichnet. Wahrscheinlich hätte sie mir sogar meinen Hintern gestempelt, hätte ich darum gefragt ;-) Natürlich weiss sie auch nicht, dass ich eigentliche eine Road-Tax für Tanzania entrichten müsste. Da dies wieder eine von mir als illegal betrachtete Muzungu-Only-Steuer ist (Steuer nur für Weisse), weise ich sie auch nicht darauf hin. Wieder mal Glück gehabt.
Durch Tanzania geht’s im Transit via Mwanza Richtung Kenianische Grenze. Mein Ziel ist Nairobi, von wo ich Ende Juli für 2 Wochen in die Schweiz fliege. Tanzania schaue ich mir erst nach meinen „Ferien von den Ferien“ richtig an. Aber lokales Geld zu besitzen, das wäre schon noch gut, trotz dem kurzen Transit. Denn hier gilt „nur Bares ist Wahres“ und vielleicht mal eine Cola kaufen zu können, das wäre nicht schlecht. Selbstverständlich funktioniert aber kein einziger ATM auf meiner Strecke. Also versuche ich es mit Geldwechseln. Allzuviele Dollar habe ich nicht mehr und mein Einsatz beträgt einmal eine Fünfziger-Note und einmal ein Zwanziger. Nun kann die Bürokratie in Fahrt kommen. Jeder der beiden Scheine wird zwischen 10 und 20 Mal durchs Prüfgerät geführt. Dann muss das Formular ausgefüllt werden. Ganz wichtig. Dann muss das Formular vom Schalterangestellten überprüft werden. Mehrere Stempel müssen drauf. Und mehrere Unterschriften von verschiedenen ganz wichtigen Bankangestellten. Nun ist etwa eine halbe Stunde vergangen. Endlich werde ich zur Kasse geschickt. Dort könne ich dann die Tanzanischen Schillinge beziehen. Hinter der Kasse sitzen zwei Bankangestellte, eine junge Frau und ein junger Mann, und ein Computer. Der junge Mann sagt der jungen Frau, welche Tasten sie auf der Tastatur drücken muss und die junge Frau drückt die Tasten. Der eine denkt, die andere tuts. Aber dann gerät der Denkprozess ins Stocken. Ratlosigkeit herrscht. Der Filialleiter wird gerufen. Aber auch der ist ratlos. Langsam verstehe ich das Problem: In Tanzania gibt es wie überall in Ostafrika einen Wechselkurs für 50er- und 100er-Dollarnoten und einen anderen für die kleinen Noten. Und ich will ja einmal eine grosse und einmal eine kleine Note wechseln. Das ist natürlich eine ungeheuerliche Herausforderung. Besonders in einem Land, wo für Rechenschritte wie 10+3 oder 2×20 der Taschenrechner hervorgeholt wird. Es besteht Ratlosigkeit. Mittlerweile sind fünf Personen damit beschäftigt herauszufinden, wie man mir wohl die korrekte Anzahl an Schillingen aushändigen könnte. Die Wechselkurstabelle wird von vorne bis hinten studiert. Schliesslich kommt einer auf die Idee, man könnte mir einfach den schlechteren Wechselkurs anbieten, für beide Noten. Dies löst aber heftigste Proteste meinerseits aus. Wieder wird beraten. Keiner weiss, wie man die Rechnung machen könnte. Mittlerweile sind 45 Minuten vergangen. Nun hissen die Bankangestellten die weisse Fahne. Zwei Multiplikationen zu addieren, das schafft ihr Taschenrechner nicht. Mir wird der bessere der beiden Wechselkurse gewährt, für beide Noten. Nun also, geht doch. Während der ganzen Zeit geht mir durch den Kopf, wie lange Geldwechseln zuhause so dauert. Sind es 30 Sekunden. Oder vielleicht 45? Oder gar eine Minute? Und dann kommt mir wieder die Diskussion in den Sinn, welche ich mit meinen äthiopischen Freunden oftmals hatte. Darin ging es um die Ursachen der Lohndifferenz von europäischen zu afrikanischen Löhnen, welche in vergleichbaren Jobs 10-20 mal tiefer sind. Nun ja, gemessen an der Produktivität sind die beiden Lohnniveaus vielleicht gar nicht so unterschiedlich.

Nach einigen Tagen Fahrt erreiche ich den Overlander-Treffpunkt „Jungle Junction“ in Nairobis Nobel-Vorort Karen. Dies ist meine letzte Station. Es ist Halbzeit. Und Zeit für einen Rückblick über die letzten paar Monate und die letzten 20‘000 Kilometer:

Obwohl ich von der Ananas über Glacée, Salat bis hin zur Zitronentorte alles esse, hatte ich nie Probleme mit Magen oder Darm. Auch Malaria, trotz Prophylaxe-Verzicht, ist nicht eingetreten. Und diejenigen, welche mir Hepatitis, Dengue-Fieber und Ebola prophezeit haben, muss ich auch enttäuschen: Die einzige Erkrankung war eine Erkältung mit Husten, Pfnüsel und leichtem Fieber im kalten Uganda.

Das Taxi hat treu seinen Dienst ausgeführt. Einmal war die Dieselzufuhr zu. Leitung durchblasen und Dieselfilterwechsel brachten schnelle Abhilfe. Ansonsten gabs nur kleinere Schäden: Die Buschfahrten haben den Lack an den Seiten zerkratzt, einen Tankdeckel habe ich auf den Rüttelpisten verloren und die Radio-Antenne wurde mir von Vandalen in Äthiopien abgebrochen. Eine der drei Batterien ist flöten gegangen (zum Glück geht’s auch noch mit zwei gut weiter) und die Lichtmaschine hat ihren baldigen Tod schon angekündigt. Am meisten Sorgen bereiteten die lausigen Reifen von Goodyear (Modell Wrangler Duratrac). Sieben Reifenpannen auf 20‘000 Kilometer sind zuviel, besonders in Anbetracht dass die meisten meiner Kollegen dieselbe Strecke ohne eine einzige Reifenpanne fahren. Von anderen Reisenden mit den gleichen Reifen wurden die Probleme bestätigt. Vermutliche liegt bei diesen Reifen ein Produktionsfehler vor.

Und – natürlich wieder sehr subjektiv – ein paar Eindrücke zu den einzelnen Ländern:

  • Billigster Diesel: Ägypten. Der Liter Diesel kostet etwa 15 Rappen. Dreimal günstiger als Wasser.
  • Schlechteste Autofahrer: Äthiopien. Mitten auf der Strasse anhalten oder auf der Schnellstrasse 20 fahren und das Lenkrad verkrampft mit beiden Händen halten. Und natürlich verkeilen sich die Autos bei Kreuzungen immer wieder derart, dass sich keiner mehr bewegen kann. Nur mit viel Verhandlungsgeschick von Drittpersonen können dann diese Deadlocks aufgelöst werden.
  • Schlechteste Strassen: Im Norden von Kenia. Ob die Bezeichnung „Strasse“ überhaupt zulässig ist, bezweifle ich. Trockenes Flussbett wäre treffender.
  • Beste Strassen: Sudan. Meist spiegelglatt und führen clever um die Dörfer und Städte herum, so dass einem nicht ständig Esel, Ziegen und Hühner vors Auto springen.
  • Bürokratischste Grenzübergänge: Ägypten. 5 Tage im Zoll bei der Einreise und 1.5 Tage bei der Ausreise. Das muss sein, schliesslich ist jedes Formular wichtig.
  • Unbürokratischte Grenzübergänge: Äthiopien. Kein Anstehen und dadurch in wenigen Minuten geschafft.
  • Teurstes Land: Djibouti. Man nehme Zürcher Preise und setze noch 20% oben drauf. Dafür ziehe man bei der Leistung 50% ab.
  • Billigstes Land: Ägypten. Für 50 Rappen gibt’s eine Portion Pasta und für 110 Franken eine Nacht im 5-Sterne Mövenpick Hotel.
  • Ärmstes Land: Burundi. Viele Leute haben nicht einmal etwas Ordentliches zum Anziehen.
  • Reichstes Land: Kenya und Uganda. Die meisten Leute sind gut gekleidet. Nahrungsmittel scheinen im Überfluss vorhanden zu sein. Und viele Häuser haben nicht nur einen Verputz, sondern sogar einen Anstrich.
  • Nervigste Kinder/Menschen: Äthiopien. Die „You, You, You“ und „Give me money“ Rufe der NGO-geschädigten Äthiopier verfolgen einem sogar nachts im Traum. Ein Trick gegen die Steinewerfer: Direkt auf sie zufahren. Dann sind sie damit beschäftigt, um ihr Leben zu rennen und vergessen die Steine.
  • Freundlichste Menschen: Sudan. Vom Tourismus weitgehend verschont, gilt der Weisse Mann noch als Mensch und nicht als wandelnder Bankomat oder Gratis-Süssigkeitenlieferant. Abgezockt wird kaum und die meisten Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit.

 

Tropischer Regenwald im Nyungwe Nationalpark …

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… und Schimpansen

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Auf der Wasserscheide zwischen Nil und Kongo

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Eindrücke aus Ruanda und Burundi

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In Burundi werden unheimliche Lasten mit dem Velo transportiert. In dem armen Land fehlt es an motorisierten Transportmöglichkeiten

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… dafür ist die DEZA in Burundi aktiv

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Wackelbrücke – schnell drüber bevor man ein Stockwerk tiefer ist

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4 Gedanken zu “Ruanda, Burundi und dann zurück nach Nairobi

  1. Lukas, deinen Berichten entnommen, hattest du voll schöne Reise!
    und…über einige Entäuschungen könnte man echt glücklich sein, dass diese Erwartungen nicht treffen!

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  2. Halbzeit – so schnell kann es gehen :-)

    Vielen Dank für das mitreisen lassen, die spannenden Reiseberichter – und wirklich sensationellen Bilder!

    Auf dass das „Taxi“ weiterhin so reibungslos werkelt – und auf eine gute Zeit in Afrika!

    Stefan

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  3. Hallo Lucas,

    BIst du zurück von den Ferien vom Ferienmachen? Wir warten gespannt auf deine weiteren Berichte. Gib mir gelegentlich mal deine private mailto, damit wir deine Ankunft in Kapstadt vorbereiten können.

    Gruss Sammi

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