Addis Ababa, ein paar Wochen afrikanischer Alltag

Mein Plan sieht vor, in Addis ein paar Wochen zu verbleiben, um für meine Kunden in der Schweiz ein paar Aufgaben zu erledigen, dem Taxi einen Service zu gönnen und das Visum für Kenia und Djibouti einzuholen. Ausserdem ist die Piste nach Kenia erst im Juni nach Einsetzen der Trockenzeit wieder befahrbar.

Für einen Zwischenstopp eignet sich Addis hervorragend: Die Höhenlage mit 2400 Meter über Meer bedingt warme, aber nicht heisse Tage und angenehm kühle Nächte im einstelligen Temperaturbereich. Die Stadt ist zudem Zuhause von unzähligen Diplomaten, NGO-Vertretern, UN-Funktionären und anderen Kravattenträgern, was eine angenehme Auswahl an Restaurants und Freizeitmöglichkeiten mit sich bringt.

Es ist das erste Mal, dass ich in einem afrikanischen Land längere Zeit am selben Ort bleibe und umso spannender ist es, einen Einblick in den afrikanischen Alltag zu erhalten. Denn dieser ist etwas umständlicher als ein europäischer. Zumindest, wenn die Tagestätigkeit nicht aus Bananen verkaufen besteht. Für meine Arbeit bin ich auf Strom für den Laptop und eine Internetverbindung angewiesen. Diese gibt’s offiziell in fast allen Vier- und Fünfsternehotels, jedoch höre ich fast immer ein „Sorry Sir, WiFi is not working today. Please come again tomorrow“ (meistens wäre ein „Please come again next year“ passender). Beim vierten oder fünften Hotel klappts dann in der Regel mit dem WiFi, nur ist dann halt der halbe Tag schon durch. Genauso verhält es sich mit dem Bezahlen: mit zwei Ausnahmen hat in meinen fünf Wochen in Addis noch nie ein Kreditkartenlesegerät funktioniert.  Kein Problem, es gibt ja Bargeld und an jeder Ecke steht ein Bankomat, meistens sogar drei bis vier Geräte von verschiedenen Banken beieinander. Aber auch dort ist es so, dass nur etwa einer von zehn funktioniert. Die anderen sind gerade defekt, akzeptieren die VISA-Karte nicht, haben keinen Strom, kein Geld oder irgendeine andere nicht identifizierbare Störung. So muss man also auch fürs Geldabheben mindestens eine Stunde einplanen. Nun ja, so vergehen die Tage hier. Bananen Verkaufen wäre also doch einfacher.

Wenn ich aber nicht gerade minutengenaue Termine mit der Schweizer Kundschaft habe, ist das Leben hier viel entspannter. Es gibt kaum Stress. Wenn ich zum Termin bei der Toyota-Garage oder zum Abendessen eine halbe Stunde oder auch eine Stunde zu spät komme, stört das keinen und der tägliche Verkehrsstau wird so zu einer Zeit der Erholung und nicht des Stresses.

Mittlerweile bin ich drei Monate auf Achse und ich vermisse das Essen von Zuhause und die kulinarische Abwechslung. Meistens esse ich bei meinen Freunden und dort gibt’s jeden Tag Injera. Dies ist das Nationalgericht Äthiopiens und besteht aus einem schaumgummiartigem, flachen Teig und darauf angerichteten Saucen. Besteck findet man nirgendwo, hier wird buchstäblich von der Hand in den Mund gelebt. In der Zwischenzeit bin ich Profi-Injera-Esser geworden und schaffe es, das ganze Zeug mitsamt den Saucen zu verdrücken, ohne dass die Hälfte davon auf Hose und T-Shirt landet. Die Einheimischen sind wahre Injera-Fanatiker: Ein Tage ohne Injera ist kein Tag. Meistens wird das fermentierte Gericht sogar zweimal täglich angerichtet.

Zum Glück für mich gibt’s aber auch hier wieder einen Supermarkt mit Lindt-Schokolade (allerdings für CHF 6.- pro Tafel), Milch aus Holland und Rohschinken aus Spanien. Und dann gibt’s noch das Sheraton Addis: Da war ich heute beim Dinner-Buffet. Da gibt’s tatsächlich Sushi, Miesmuscheln, Emmentalerkäse, Sachertorte und weitere Köstlichkeiten aus aller Welt. Wie sie den Frischfisch für die Sushi nach Äthiopien bekommen, ist mir nach wie vor ein Rätsel. Geschmeckt hats aber und ich musste danach auch nicht den Badezimmerthron aufsuchen. Nach dem Essen war ich etwas müde und hatte irgendwie Lust, wieder mal in einem luxuriösen Bett zu schlafen, warm zu duschen und sowieso fahre ich nachts nicht gerne Auto in Addis und so habe ich mich nach dem Zimmerpreis im Sheraton Addis erkundigt. Ja, das günstigste Zimmer könne es sein, gerne auch mit Blick auf die Hotelkompostieranlage. Der Preis von 513 US Dollar pro Nacht für das Hinterhofzimmer irritiert mich dann aber doch ein bisschen. Ich fahre nach Hause, dusche eiskalt und überlasse das Zimmer den Funktionären spendenfinanzierter Organisationen, deren Anwesenheit durch die zahlreichen V8-Landcruiser auf dem Hotelparkplatz verraten wird. Sie sind alle mit grossen, blauen Buchstaben beschriftet, welche die Schriftzüge UNICEF und UNHCR bilden.

Ansonsten gibt’s hier nicht viel Spektakuläres zu erzählen. Einmal bin ich beim Rückwärts-Rangieren in einen Pickup hinter mir gecrasht. Sein Scheinwerfer ist hin und in seiner Motorhaube ein Abdruck meiner Heckstossstange. Sofort ist ein englischsprechender „Vermittler“ vor Ort. 250 Dollar soll ich für den Schaden bezahlen. Ich erkläre ihm aber, dass ich nur für den Schaden aufkommen will, keinesfalls wolle ich die ganze Rostlaube kaufen. Schlussendlich einigen wir uns auf 50 USD, je 25 für den Vermittler und 25 für den Fahrer. Noch vor Ort wird die Beule mit einem Gabelschlüssel ausgebeult und ich bin mir sicher, dass der nicht anwesende Besitzer des Fahrzeugs keinen Cent sieht. Dafür werden Vermittler und Fahrer einen schönen Abend haben. Witzigerweise übersteht das Taxi das ganze unbeschadet: Nicht einmal einen Kratzer kann ich im Lack entdecken.

Und dann wird Addis mal noch von der achten Strafe Gottes heimgesucht: Der Himmel verfinstert sich gegen 16 Uhr, eine Wolke aus Heuschrecken fällt über die Stadt her. So weit das Auge reicht, Heuschrecken. Es müssen Millionen sein. Eine halbe Stunde später ist der Spuk vorbei. Die etwa 10cm grossen, rostbraunen Tiere sind abgezogen. Zurückgeblieben sind verdreckte Strassen: Pro Quadratmeter zähle ich rund 15-20 von den Autos flachgedrückte Kadaver. Die unzähligen Strassenköter werden heute Abend ein Festessen geniessen.

Nun bin ich bereits fünf Wochen in Addis und langsam habe ich die Nase voll von der Stadt, zumal die Regenzeit einsetzt und es auch tagsüber kaum mehr 20 Grad warm wird. Ich bin froh, kann ich morgen weg hier… Ein kurzes Reisli nach Djibouti ist angesagt…

 

Typisches Strassenkulisse in Addis

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Die blau-weissen Sammeltaxis parken oft mitten auf der Strasse unf verursachen die meisten Verkehrsstaus

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Die Zufahrt zu meinem Heim – auf dem Bild noch harmlos, bei Regen aber nur mit Gummistiefeln und Schwimmweste passierbar

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Die Toyota-Vertretung in Addis – eingerichtet fast wie zuhause

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In Addis ist grad Hochzeits-Saison

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50-Dollar-Beule

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2 Gedanken zu “Addis Ababa, ein paar Wochen afrikanischer Alltag

  1. Hallo Lukas,
    voll ebenteuerliche Geschichte erzählst du, kaum zu glauben, dass du es überstanden hast! :)
    Ich packe auch meine Koffer und reise ab, aber in eine andere Richtung.
    Dir wünsche ich noch eine schöne Zeit ohne Gummistiefel und Schwimmweste!
    Viele sonnigen Grüße

    Gefällt mir

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